Narziss

 

Der Blick in den Teich

oder das Erstaunen über das eigene Selbst

Narziss ist bekannt als ein Herzloser, der kränkend alle Verehrer und Verehrerinnen zurückweist. Gerecht gestraft mit unstillbarer Eigenliebe, stirbt er einen frühen, sinnentleerten Tod.

Ich fotografiere Menschen in Spiegeln. Wie unter Wasser, getrübt durch Störungen und Schmutz, betrachten sie in dieser Serie ihr Selbst. Meist desolat, blass, angreifbar und geisterhaft. Skeptisch, bemüht, die Fassung nicht zu verlieren, sich erhebend im Dagegenhalten. Um letztlich - schon nicht mehr ganz von dieser Welt - Gebrechlichkeit und Tod entgegenzublicken. Einklang und Harmonie stellen sich dabei selten ein. Und selbst wenn, bleiben Zweifel. Der Spiegel zeigt uns das vertrauteste und zugleich trügerischste Bild, das wir von uns haben. Als Kind sind wir noch frei, machen Faxen, mimen viele Rollen und gefallen uns in ihm. Mit zunehmendem Alter kommt die Frage nach der eigenen Identität hinzu. Was tun in einer kreischenden Welt, die sich selbst immer das Maximale verheißt, um ewig daran zu scheitern? Wer bin ich? Was ist aus mir geworden? Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte? Und wir beginnen Dinge zu sehen, die wir nicht sehen wollen. Nicht selten begleitet von Krisen.

Der Figur des Narziss liegt eine paradoxe Verneinung zu Grunde: Ihm wurde nur dann ein langes, erfülltes Leben vorausgesagt, wenn er sich selbst nicht erkennt. In seinem geliebten Spiegelbild sieht er nur sich, bleibt aber blind für sein Wesen. In dieser Hinsicht ist das Erstaunen über das eigene Selbst vielleicht die Triebfeder meiner Arbeit. Wenn ich fotografiere, folge ich dem Unerwarteten. Ich lasse mich von genau dem leiten, was nicht meiner Vorstellung entspricht. So schaffe ich Raum für das Ungesehene - indem der Blick sich vertieft.

Text: AK Schaffner